ausstellung
Supermöbel
Bis 04. Mai 2025 ● Köln ● Kölnischer Kunstverein
Das Einrichten von Wohnungen ist nicht von vornherein politisch. Menschen wollen zuerst mal nicht vom Boden essen, stellen einen Tisch auf und rücken Stühle heran, um der Angelegenheit eine Form zu geben. Zur geordneten Bedürfnisbefriedigung, wie Essen oder Schlafen – wofür Tische und Betten hilfreich sind – gehört auch das Anziehen und schon braucht es einen Schrank für die Kleider. Möbel sind aber nicht nur Lebensbewältigung. Die Möblierenden stellen sich auch dar. Wenn sie schon Bücher lesen oder zumindest kaufen, sollen die anderen das auch sehen. Im Regal stellen sie ihren Geschmack zur Schau. Der Charakter zeigt sich aber vor allem im Garderobenständer und den Gardinen. Wer keine hat, hat zwei linke Hände oder liebt es sich zu exhibitionieren. In der Summe erläutert die Einrichtung noch mehr als Sex, warum das Private politisch ist. Dadurch, wie ich meine Möbel ausgewählt habe, sage ich viel, wie durch alle Produkte, die ich auswähle. Ich stelle mich dar und mein Platz auf der sozialen Leiter wird deutlich, mit allen Vor- und Nachteilen. Wer arm möbliert, kann weniger Fehlkäufe machen, kommt aber schnell auf den schmalen Grat der Notlösung.
Die Ausstellung Supermöbel maßt sich keine Lösung dieser Probleme an. Vielmehr habe ich nach möbelnahen Objekten für einen hilflosen Freund gesucht. Es handelt sich um einen Menschen, der es in den Tiefen seines Unterbewusstseins ablehnt, zu wohnen, wie man wohnt. Die Möbel, die ich für ihn ausgesucht habe, sperren sich der Norm, so wie es seine Psyche tut, und sie sollten ihn verführen. Mir war klar, das Mobiliar, zu dem er ja sagen würde, musste so düster und komplex sein wie die deutsche Wirklichkeit. Seine Einrichtung dürfte nichts schön malen und die Möbel würden leise summen „Ich brauch Tapetenwechsel“. Wenn er die Lampen von Joseph Zehrer einschaltet, würde er denken: Warum weinen: der Himmel ist doch so nah. Doch statt aufzusteigen setzt er sich auf die Kiste von Vaclav Pozarek und würde dem rauschenden Verkehr auf der Hahnenstraße zuhören, die manche aufreißen möchten, um ein wenig schneller Probleme zu lösen. Vor den glänzenden Regalen von Nuri Koerfer unterhielte er sich mit den Eseln und würde sie fragen, ob ihnen überhaupt nach Lesen ist oder doch lieber etwas Stroh in die Regale gelegt werden soll. Nach der Unterhaltung würde er sich auf eine der seidenen Matratzen von Anne Bourse legen, obwohl die Matratze von Heimo Zobernig vielleicht lohnenswerte Schmutzspuren auf seiner Kleidung hinterlassen würde. Nach einem fantastischen Traum, in dem er auf die schlafenden Möbel von Claus Richter trifft, die wie er das Funktionieren verweigern, bereitet er sich unter einer der Abzugshauben von Nicole Wermers einen Kaffee zu, um mit der Tasse in der Hand auf dem weichen Teppich von Michael Beutler ein paar Runden zu drehen, während im Hintergrund der imaginäre Vogel aus Dozie Kanus Käfig zwitschert. Er würde sich überlegen, später in einem der Kartons von Gina Folly Filme zu gucken. Ihm wird vom Gehen warm und er stellt sich vor die Ventilatoren von Iris Touliatou, seine Schlüssel klimpern daran, denn er sperrt sein Haus nicht mehr zu, damit er nie mehr einsam ist. Und wenn er doch mal allein sein möchte, würde er seinen Hintern auf eines der fleischigen Kissen von Holm von Czettritz heben, um zu denken: Der Tag geht, und die Träume bringen noch mehr Möbel.
Bildunterschriften und /-nachweise:
1. bis 4. Installationsansicht Supermöbel, Kölnischer Kunstverein 2025 © Foto: Mareike Tocha